Überblick

Zugewinn
PRINZIPIEN
Das System des Zugewinnausgleichs

Der -> Zugewinnausgleichsanspruch   wird mit Hilfe von drei -> Vermögensbilanzen pro Ehegatte an -> drei Stichtagen ermittelt. Dabei sind sämtliche Vemögenswerte der Ehegatten zu erfassen (-> Totalitätsprinzip) und für jeden Gegenstand eine Bewertung vorzunehmen. Dies kann ein langwieriges, äußerst streitträchtiges und kostspieliges Unterfangen werden. Wird der Zugewinn als Folgesache zur Scheidung geltend gemacht (-> Scheidungsverbund), kann ein -> Scheidungsverfahren sich über viele Jahre hinziehen. Problematisch kann insbesondere der Ansatz eines Unternehmenswertes oder der Wert einer Gesellschaftsbeteiligung werden. Wird um Wertansätze im Anfangs- und Endvermögen gestritten, sollten die Beweislastgrundsätze bekannt sein (-> Beweislast & Zugewinn). Wie Sie an -> Auskünfte zum Vermögen des Ehegatten gelagen erfahren Sie -> HIER... Die festzustellenden Mienenfelder führen zu der Überlegung, ob es nicht sinnvoller und auch interessengerechter sein kann, deshalb diverse Gegenstände aus dem Zugewinn herauszunehmen (-> modifizierte Zugewinngemeinschaft).


Unser -> RATGEBER ONLINE bietet Ihnen umfangsreiche Informationen aus der familienrechtlichen Praxis. Wir sind permanent bemüht, dien aktuelle Rechtsprechung wiederzugeben. Zugang zum RATGEBER ONLINE finden Sie über


I. Totalitätsprinzip


Alle Aktiva & Passiva

werden in den Vermögensbilanzen der Ehegatten erfasst

Grundsatz


Familienrecht-Ratgeber.com
FORMULARE
für die VERMÖGENSBILANZEN

Grundaussage des Totalitätsprinzips: Nach der ständigen Rechtsprechung des BGH sind in das Anfangs- bzw. Endvermögen zu den maßgeblichen -> Stichtagen wird das gesamte Vermögen der Ehegatten, gleich welcher Art (ob positives oder negatives Vermögen) in die -> Vermögensbilanzen aufgenommen, d.h. alle dem Ehegatten am Stichtag zustehenden rechtlich geschützten Positionen mit objektiv bewertbaren Wert. Dazu zählen alle die einem Ehegatten -> Vermögensgegenstände in Form von Sachen, Forderungen, Verbindlichkeiten etc.

Ausnahme vom Totalitätsprinzip: Man kann per -> Ehevertrag bestimmte Vermögensgegenstände vom -> Zugewinnausgleich ausschließen. Man spricht dann von einer -> modifizierten Zugewinngemeinschaft. In der Praxis geschieht dies häufig, wenn -> Unternehmen vom -> Zugewinn herausgenommen werden soll.

Vermögensgegenstände


Familienrecht-Ratgeber.com
ABC
der Vermögensgegenstände in der Zugewinnbilanz




Ungewisse Wertentwicklung oder rechtlich geschützte Vermögensposition?


Loewe
BGH, Urteil vom 28.02.2007 - XII ZR 156/04
Ungewisser Wert oder geschütze Vermögensposition im Sinn einer Anwartschaft
(Zitat, Rn 14) "Nach der Rechtsprechung des Senats sind in die Zugewinnausgleichsbilanz alle rechtlich geschützten Positionen von wirtschaftlichem Wert einzubeziehen (NJW 2002, 436). Voraussetzung ist, dass diese Positionen zum Stichtag bereits entstanden sind; bloße Erwerbsaussichten sowie in der Entwicklung begriffene Rechte, die noch nicht zur Anwartschaft erstarkt sind, bleiben [in der Vermögensbilanz zum -> Endvermögen] unberücksichtigt."


 Forderungen und Verbindlichkeiten in der Vermögensbilanz


Folgende Grundsätze gelten für Forderungen & Verbindlichkeiten in der Zugewinnausgleichsbilanz:

  1. Forderungen und Verbindlichkeiten müssen am Stichtag nicht fällig sein. Entstandene, wenn auch noch nicht fällige Verbindlichkeiten, sind einzubeziehen. Für bedingte und unsichere Verbindlichkeiten gelten dieselben Grundsätze wie für bedingte und unsichere Ansprüche. Betriebliche Schulden eines Freiberuflers dürfen nur dann gesondert in die Vermögensbilanz aufgenommen werden, wenn sie nicht bereits in die -> Praxisbewertung eingeflossen sind.
  2. Bei unsicheren Forderungen und Verbindlichkeiten Rechten ist auf die Wahrscheinlichkeit der Realisierung abzustellen. (BGH FamRZ 1993, 1183, 1185). Unsichere, ungewisse, befristete und abschiebend oder auflösend bedingte Ansprüche oder Verpflichtungen sind mit einem Schätzwert in die Vermögensbilanz einzusetzen. Dabei ist eine Prognose zu treffen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit der Realisierung des Anspruches ist. Wenn Sie hier erklären, dass eine Realisierung der Forderung unwahrscheinlich ist, so kann diese Forderung in Ihre Endvermögensbilanz nur mit einem entsprechend geringen Wert berücksichtigt werden. Steht fest, dass eine Realisierung ausgeschlossen ist, so ist der Wert „0“.
  3. Es kommt nicht darauf an, ob die Ansprüche am Stichtag bereits entstanden waren (BGH FamRZ 2001, 278,281). Auch künftig erst entstehende Ansprüche werden als Vermögensposition in den Stichtagsbilanzen berücksichtigt, wenn am Stichtag mehr als eine bloß ungewisse Erwerbsaussicht besteht. (BHG FamRZ 2002, 80, 89).

Immobilien in der Vermögensbilanz


Immobilie

Bei -> Immobilienbesitz (eines Ehegatten) und -> Zugewinnausgleich ist in der Praxis das Hauptproblem, dass die Beteiligten meist nicht wissen, welchen Wert die Immobilie hat oder es wird - wegen unterschiedlicher Vorstellungen dazu - heftig gestritten. Instrittig ist, dass der Wert der Immobilie mit ihrem realen Verkehrswert zum maßgeblichen -> Stichtag zu bewerten ist. Die Wertermittlung und das Herankommen an die dazu erforderlichen Informationen (wertbildende Faktoren) von der Gegenseite ist oftmals schwierig. Weder die Ehegatten noch ihre Anwälte sind Immobiliengutachter und können nicht abschließend beurteilen, mit welchem (realen) Wert eine Immobilie in der -> Zugewinnbilanz anzusetzen ist. Es gibt drei Schritte aus diesem Dilemma:

  • 1. Schritt: Sie finden im Rahmen einer Besprechung mit der Gegenseite konkrete (Schätz-)Werte, auf die sich alle Beteiligten einigen. Dann wird es meist zu einer schnellen komplikationslosen Scheidung kommen. Das ist selten der Fall. 
  • 2. Schritt: Sie einigen sich mit der Gegenseite auf die Einholung eines Privatgutachtens zur Immobilienbewertung und einigen sich weiter darauf, dass die Ergebnisse des Gutachtens für beide Seiten rechtsverbindlich anerkannt werden. Damit kommen Scheidungsverfahren mit Vermögensauseinandersetzung mit einem überschubaren Zeitrahmen zum Abschluss.
  • 3. Schritt: Sie finden über eine Besprechung mit der Gegenseite keine Einigung und auch keinen Modus zur Klärung der offenen Bewertungsfragen. Dann wird die Angelegenheit nach gesetzlichen Vorgaben vollzogen. D.h. das Endvermögen wird zum Stichtag der Zustellung des Scheidungsantrags festgestellt. Sämtliche Auskünfte zum Vermögen müssen für diesen Stichtag eingeholt werden. Die offenen Bewertungsfragen werden über gerichtlich bestellte Gutachten geklärt; aber nu r dann wenn für eine Begutachtung genügend Anknüpfungstatsachen bekannt sind bzw. über den -> Auskunftsanspruch realisiert wurden. Das Scheidungsverfahren wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht vor zwei Jahren zum Abschluss kommen. Scheidungsverfahren mit Gutachterbeteiligung sind echte "Zeitfresser".

Wie -> gemeinsame Immobilienkredite der Ehegatten beim Zugewinn berücksichtigt werden, erfahren Sie -> HIER ...

Leibrenten in der Vermögensbilanz


Als Leibrente bezeichnet man eine in der Regel lebenslange (meist) monatlich und zukünftig zu bezahlende Leistungsverpflichtung (§ 759ff BGB). Seit der Entscheidung des BGH, Urteil v. 07.09.2005 - XII ZR 209/02 werden in Abkehr der bisherigen Rechtsprechung Leibrenten güterrechtlich bewertet und sind in die Vermögensbilanzen einzustellen (mehr dazu Schulz/Hauß, Vermögensauseinandersetzung, 6. Aufl., 2015, -> Rn 310 ff). Für die Bewertung der Leibrente ist es ohne Bedeutung, ob die vereinbarten Beträge später tatsächlich bezahlt wurden oder ob die Leibrente (z.B. als Gegenswert für eine Immobilienübertragung) durch Eintrag im Grundbuch dinglich gesichert ist (vgl. BGH, Urteil v. 07.09.2005 - XII ZR 209/02). Wenn allerdings der Leibrenten-Gläubiger tatsächlich auf die Rentenzahlungen verzichtet wird, ist dies eine Schenkung, die womöglich als Zuwendung im Sinne des § 1374 Abs.2 BGB mit dem Wert zum Zeitpunkt des Verzichtserklärung wieder im Anfangsvermögen berücksichtigt wird (vgl. BGH, Urteil vom 22.11.2006 - XII ZR 8/05, Rn 25). Somit ist bei Leibrenten und deren güterrechtliche Auswirkung stets auch darauf abzustellen, ob Leibrentenzahlungen tatsächlich stattfinden. Bei Übertragung von Immobilienbesitz von Eltern auf einen Ehegatten gegen Vereineinbarung einer Leibrente kommt dies in der Praxis häufig vor. Die Berücksichtigung von Leibrenten und Nießbrauch im Zugewinnausgleich erfolgen nach den gleichen Rechtsprechungsgrundsätzen. Es handelt sich um künftige Leistungen, die an bestimmten Stichtagen zu bewerten, d.h. zu kapitalisieren sind. Die Bewertung ist von komplizierter Wahrscheinlichkeitsrechnung geprägt.

Loewe

BGH, Urteil vom 15.10.2003 - XII ZR 23/01
Zur Bewertung (Kapitalisierung) künftiger Leistungsverpflichtungen


(Zitat) "„Bei der Bemessung des Rechnungszinses für die Bewertung künftiger Leistungen ist, wie der Senat in anderem Zusammenhang dargelegt hat, nicht von einer punktuellen und auf die aktuellen Verhältnisse bezogenen Betrachtung auszugehen; vielmehr erscheint es sachgerecht, den Zeitwert künftiger Leistungen mittels eines Zinssatzes zu bestimmen, der aus einer langfristigen Beobachtung der maßgebenden volkswirtschaftlichen Orientierungsgrößen gewonnen ist (Senat, NJW Jahr 2003 Seite 3556)".

Hinweis: Mehr zur Bewertung von Leibrenten erfahren Sie -> HIER ...; Die Kapitalisierung einer Leibrente, in Schulz/Hauß, 6.Aufl. 2015, -> Rn 317 ff

Wohnrecht-Belastung im Zugewinn


Familienrecht-Ratgeber.com

WOHNRECHT als Grundstücksbelastung
Mandanteninformation


Die Bewertung von Wohnrechten in der Zugewinnbilanz eines Ehegatten als Belastung der Immobilie eines Ehegatten ist  seit der BGH-Rechtsprechung aus dem Jahr 2007 (FamRZ 2007, 978) zu einem hoch komplizierten Thema geworden, dass im Streitfall jede Scheidungsverfahren ins Unendliche dehnen kann. Warum das so ist, erfahren Sie -> HIER ...

Private Lebensversicherung im Zugewinn


Die private Lebensversicherung wird nicht beim -> Versorgungsausgleich berücksichtigt, es sei denn es handelt sich um eine Lebensversicherung, bei der nach Ablauf der Ansparphase eine monatliche Rente als Versicherungsleistung bezogen wird und keine Kapitalabfindung geleistet wird.

Loewe
BGH, Beschluss v. 18. 04.2012 - XII ZB 325/11
Zur Rentenversicherung mit Kapitalwahlrecht

(Leitsatz) "Private Rentenversicherungen mit Kapitalwahlrecht unterfallen nach Ausübung des Kapitalwahlrechts nicht mehr dem Versorgungsausgleich, selbst wenn das Kapitalwahlrecht nach Ende der Ehezeit vor der letzten tatrichterlichen Entscheidung ausgeübt wurde. Es kommt lediglich ein -> güterrechtlicher Ausgleich in Betracht."

Merke: Lebensversicherung (LV) wird im Zugewinn oder im Versorgungsausgleich berücksichtigt

1. LV im Versorgungsausgleich:
Es ist inzwischen höchstrichterlich anerkannt, dass auch die zur Sicherheit abgetretenen privaten Rentenversicherung bis zur tatsächlichen Ausübung des Kapitalwahlrechts, was bis zur letzten tatrichterlichen Tätigkeit des erkennenden Gerichts möglich ist, in den -> Versorgungsausgleich fällt (vgl. BGH FamRZ 2013, 1715 und FamRZ 2014 279; BGH, Beschluss vom 06.04.2011 - XII ZB 89/08). Die Entscheidung des OLG Saarbrücken, Beschluss vom 11.01.2016 - 9 UF 83/15 hält sich dabei strikt an die Vorgaben des BGH (siehe dazu Anm. Burschel, in: NZFam 2016, 664). In der Praxis wird darauf zu achten sein, dass in diesen Fällen einer abgetretenen Rentenversicherung der Tenor zum Versorgungsausgleich den Ausspruch auf die Rückgewähr des Bezugsrechts nach Freigabe der Sicherheit an beide Eheleute als Gesamtgläubiger enthält. Vorsorglich sollte ein entsprechender Antrag gestellt werden; Muster: „Zugleich wird der Anspruch des Ast. gegen die Bank S auf Rückgewähr des dieser zur Sicherung der Ansprüche aus dem Darlehensvertrag Nr. … eingeräumten Bezugsrechts an der bei der weiteren Bet. (Rentenversicherungsträger) abgeschlossenen Rentenversicherung Nr. … auf beide Ehegatten als Mitgläubiger übertragen.“

Was mit dem Versorgungsausgleich geschieht, wenn die -> LV nach Scheidung gekündigt wird, war Gegenstand der Entscheidung des -> OLG Bremen, Beschluss vom 29.10.2015 – 4 UF 102/15: Anmerkung dazu von Margarethe Bergmann, in -> NZFam 2016, 79.

2. LV im Zugewinn:
Wird das mit der Lebensversicherung gebildete Kapital später zu dem vertraglich vereinbarten Termin ausgezahlt, so handelt es sich grundsätzlich um Vermögen, dass beim -> Zugewinnausgleich berücksichtigt wird. Der Wert der Kapitallebensversicherung wird entweder mit dem Rückkaufwert oder dem Fortführungswert in die -> Vermögensbilanz angesetzt. Die Rechtsprechung hat früher nur auf den Rückkaufwert abgestellt (BGH FamRZ 1992, 411, 413). Der Rückkaufwert ist wegen der Stornoabzüge niedriger als der wahre, wirkliche Wert. Nach neuerer Rechtsprechung (BGH, 1995, 1270) ist entscheidend, ob mit der Fortführung des Versicherungsverhältnisses zu rechnen ist oder mit deren Auflösung (z.B. weil mit dem Guthaben der Zugewinnausgleichanspruch erfüllt wird). Ist eine Auflösung der Kapitallebensversicherung nicht zu erwarten, entspricht der einzustellende Wert grundsätzlich dem sogenannten Fortführungswert, also dem Rückkaufswert zuzüglich dem bis zum -> Stichtag angesammelten Überschussguthaben. Die h.M. berücksichtigt für den Fortführungswert das rechnungsmäßige Deckungskapital

= gutgeschriebene Versicherungsleistungen ohne Stornoabschläge

= zzgl. gutgeschriebene Gewinnanteile

= zzgl. Anwartschaftsbarwert auf Schlussgewinnanteile

Der Rückkaufwert und der Fortführungswert wird meistens über eine Auskunft der Versicherungsgesellschaft ermittelt werden können.

3. Latente Steuern: Unabhängig davon, ob die Lebensversicherung tatsächlich aufgelöst (Rückkaufwert) oder fortgeführt (Fortführungswert) wird, wird immer die latente Steuer in Abzug gebracht. Im Fall der erwarteten Fortführung des Versicherungsverhältnisses ist dies eine überraschende Ansicht des BGH (vgl. dazu Schulz FamRZ 2014, 1684 ff). Stets sind bei der Bewertung von Lebensversicherungen im Zugewinnausgleich die latenten Ertragsteuern wertmindernd zu berücksichtigen, wenn sie nach dem 31.12.2004 abgeschlossen wurden (§ 20 Abs1 Nr. 6 EStG). Zinsleistungen sind zur Hälfte zu versteuern, wenn die Laufzeit mindestens 12 Jahre beträgt und die Auszahlung nach dem 60. Lebensjahr erfolgt. Bei Lebensversicherungen, die vor 2005 abgeschlossen wurden, sind die daraus erzielten Erträge nach 12 Jahren steuerfrei. Ist die Frist von 12 Jahren am Stichtag (= Zustellung des Scheidungsantrags) noch nicht abgelaufen, ist eine fiktive Steuer in voller Höhe wertmindernd in der Vermögensbilanz anzusetzen. Zu Berechnung der latenten Ertragsteuer ist auf einen sich zum Stichtag ergebenden fiktiven Gewinn (Differenz zwischen den geleisteten Beiträgen und dem Auszahlungsbetrag) abzustellen. Die Höhe der Steuer entspricht der Abgeltungssteuer in Höhe von 25 % (zzgl. Solidaritätszuschlag und ggf. Kirchensteuer; vgl. Schulz FamRZ 2014, 1684 ff.; Dieter Büte, Die Last mit der latenten Steuerlast, in FK 2012, 139).

Merke: Der Wertansatz eines jeden einzelnen Vermögensgegenstands ist darauf zu überprüfen, ob bei einer möglichen Veräußerung zum Stichtag für den erzielten Ertrag latente Ertragsteuern anfallen. Bei der Vielzahl von möglichen Anlagemodellen und der dazu unterschiedlichen ertragsteuerlichen Situation ist ein Familienrechtsanwalt regelmäßig überfordert. Deshalb sollte jede Zugewinn-Vermögensbilanz steuerlich überprüft werden. Schon aus haftungsrechtlichen Gründen ist der Mandant darauf hinzuweisen. Der Steuerberater des Mandanten sollte im Einzelnen klären, welche latente Steuern oder Rückzahlungen den jeweiligen Vermögenswert mindern.

Betriebliche Altersvorsorge - Direktzusagen über private Versicherungen


1. Grundsatz: Dem  -> Versorgungsausgleich, und nicht dem Zugewinnausgleich, unterliegen Anrechte der betrieblichen Altersversorgung, die aus Anlass eines Arbeitsverhältnisses gewährt werden. Gleichgültig ist der Weg, den der Arbeitgeber zur Erfüllung seiner Verpflichtung wählt. Er kann die Versorgung unmittelbar zusagen, indem er die Versorgungsleistungen selbst - in der Regel mit Hilfe von Pensionsrückstellungen - erbringt. Möglich sind aber auch mittelbare Versorgungszusagen, in denen er sich einer zwischengeschalteten Versorgungseinrichtung, nämlich einer privaten Versicherung, einer Pensions- oder Unterstützungskasse bedient (§§ 1 Abs.2 bis Abs.4 BetrAVG). Auch bei einer solchen mittelbaren Versorgungszusage liegt eine vom Arbeitgeber erteilte betriebliche Altersversorgungszusage vor (Höfer-Reiners-Wüst, BetrAVG, 3. Aufl., Bd. 1, Allg. Rechtlicher Teil, Rdnr. 93 f., 94, 96 f.; Heubeck-Höhne-Paulsdorff-Rau-Weinert - BetrAVG, 2. Aufl., Bd. 1, § 1 Rdnrn. 1, 67).

2. Direktversicherungen mit Kapialwahlrecht: Ist in dem Versicherungsvertrag ein -> Kapitalwahlrecht vorgesehen, unterliegt die Direktversicherung dann dem Versorgungsausgleich, wenn das Kapitalwahlrecht nicht bis zum maßgebenden Stichtag der Rechtshängigkeit des Scheidungsantrags ausgeübt wurde und die Versicherung dadurch in eine Kapitallebensversicherung umgewandelt worden ist. Andernfalls kann es dem Zugewinnausgleich unterliegen. Wird die betriebliche Altersversorgungszusage in Form einer sog. Direktversicherung erteilt, bei der der Arbeitgeber zugunsten des Arbeitnehmers eine Versicherung bei einem Versicherungsunternehmen abschließt, so bereitet die Frage, ob diese Versorgung in den Versorgungsausgleich einzubeziehen ist, in der Regel keine Schwierigkeiten, weil sich die vom Arbeitgeber zugesagte Versorgung und die zur Erfüllung dieser Zusage abgeschlossene Versicherung ihrer Art nach im allgemeinen decken, also entweder auf Renten- oder auf Kapitalzahlung gerichtet sind.Bei Direktversicherungen – im Unterscheid zu privaten Rentenversicherungen mit Kapitalwahlrecht – liegt das Kapitalwahlrecht beim Arbeitgeber (Versicherungsnehmer) und nicht beim versicherten Arbeitnehmer. An der Ausgestaltung von Direktversicherungen des Arbeitsgebers zu Gunsten des Arbeitnehmers zeigt sich, dass zwischen dem arbeits- bzw. versorgungsrechtlichen Valutaverhältnis und dem versicherungsrechtlichen Deckungsverhältnis zu trennen ist.

  • Arbeitnehmer ist nur Versicherter ohne vertraglicher Beziehung zum Versicherungsunternehmen

Im Versicherungsvertrag haben der Arbeitnehmer und seine Hinterbliebenen lediglich die Stellung von Versicherten, die ein Recht auf die Versicherungsleistung bei Eintritt des Versicherungsfalles haben. Bis zu diesem Zeitpunkt haben sie eine Anwartschaft in Form eines entweder widerruflich oder unwiderruflich ausgestalteten Bezugsrechts (Blomeyer-Otto, Einl. Rdnr. 443; Heubeck, u. a., § 1 Rdnr. 311; Blomeyer, BetrAV 1979, 111). Dieses ist ihnen aufgrund des arbeitsvertraglichen Versorgungsverhältnisses zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber zugesagt. Allein dieses Valutaverhältnis bildet den Rechtsgrund für das Versorgungsversprechen des Arbeitgebers und entscheidet darüber, ob der Arbeitnehmer die Leistung behalten darf (vgl. Palandt-Heinrichs, Einf. § 328 Rdnr. 4).

  • Vertragspartner der Versicherungsgesellschaft ist der Arbeitgeber

Im versicherungsrechtlichen Deckungsverhältnis ist der Arbeitgeber gegenüber dem Versicherer Inhaber aller Rechte und Pflichten aus dem Vertrag, insbesondere aller Verfügungs- und Gestaltungsrechte. Er kann - im Falle eines widerruflichen Bezugsrechts - die vereinbarte Begünstigung des Arbeitnehmers vor Eintritt des Versicherungsfalles versicherungsrechtlich widerrufen, abändern oder auf einen anderen Arbeitnehmer übertragen und die Wahlrechte aus dem Versicherungsverhältnis ausüben (§ 166 I VVG). Hier kann also die versicherte Person nicht wie bei einer persönlich finanzierten privaten Lebensversicherung das Kapitalwahlrecht ausüben und Über die Ausübung des Kapitalwahlrechts steuern, ob das Deckungskapital dem Versorgungsausgleich unterfällt oder nicht.

3. Weichenstellung: Für die Frage der Einbeziehung der Direktversicherung in den Versorgungsausgleich bedeutet das, dass es in erster Linie auf die Ausgestaltung des Versorgungsverhältnisses zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer ankommt. Der Inhalt der arbeitsvertraglich ausgestalteten Zusage des Arbeitgebers entscheidet darüber, ob die betriebliche Altersvorsorgezusage dem Versorgungsausgleich oder dem Zugewinnausgleich unterfällt.

  • Sagt der Arbeitgeber dem Arbeitnehmer eine betriebliche Rente zu, so unterfällt die Direktversicherung dem Versorgungsausgleich
  • Sagt der Arbeitgeber dem Arbeitnehmer eine betriebliche einmalige Kapitalzahlung im Rentenfall oder im Todesfall für die Hinterbliebenen zu (= Zusage ähnelt einer arbeitgeberfinanzierten Kapitallebensversicherung), so unterfällt die Anwartschaft aus der betrieblichen Zusage nicht dem Versorgungsausgleich (vgl. BGH, Beschluss vom 10.02.1993 – XII  ZB 80/88).

4. Praxistipp: Lassen Sie sich von Ihrem Arbeitgeber, der die Direktversicherung für Sie abgeschlossen hat, schriftlich bestätigen, ob es sich um eine betriebliche Rentenzusage oder aber um eine betriebliche Kapitalzahlungszusage im Rentenalter handelt. Im Regelfall handelt es sich um betriebliche Rentenzusagen, so dass die Berücksichtigung der Direktversicherung im Versorgungsausgleich meist korrekt ist.

5. Betriebsrentenstärkungsgesetz ab 01.01.2018: Mit dem im Wesentlichen zum 1. Januar 2018 in Kraft tretenden Betriebsrentenstärkungsgesetz will der Gesetzgeber eine stärkere Nutzung der bisher vor allem in kleineren Unternehmen und bei Geringverdie­ nern wenig verbreiteten betrieblichen Altersversorgung erreichen. Die meisten Änderungen betreffen die sogenannten externen Durchführungswege, bei denen der Arbeitgeber die Versorgungsleistungen nicht selbst übernimmt, sondern Beiträge an eine selbständige Versorgungseinrichtung entrichtet, die dann für die Auszahlung der Rente zuständig ist. Als Versorgungseinrichtungen kommen hierbei Direktversiche­ rungen, Pensionskassen und Pensionsfonds  in Betracht. Auch bei Nutzung eines externen Durchführungswegs haften Arbeitgeber bislang für die Betriebsrente, wenn die Versorgungseinrichtung wegen Insolvenz oder wegen ungünstiger Anlageentscheidungen die Rente nicht in der zugesagten Höhe zahlen kann. Künftig sind tarifvertragliche Vereinbarungen zulässig, wonach sich die Arbeitgeber nur zur Beitragszahlung verpflichten ohne Haftung für die Rente. Bei nicht ta­ rifgebundenen Unternehmen ist eine betriebliche Vereinbarung über die freiwillige Anwendung des Tarif­ vertrags möglich, um die Haftung zu vermeiden. Beiträge an Direktversicherungen, Pensionskassen oder Pensionsfonds sind derzeit bis 3.048 € jährlich lohnsteuerfrei; bei Rentenzusagen  ab 2005 sind es 4.848 €. Ab 2018 steigt dieser Wert bei allen Zusagen auf     8 v.H. der Beitragsbemessungsgrenze (West) zur gesetzlichen Rentenversicherung, was derzeit einem Be­ trag von 6.096 € entspricht. Sozialversicherungsfrei bleiben unverändert nur Beiträge bis 4 v.H. der Bei­ tragsbemessungsgrenze. Erbringt der Arbeitgeber zusätzlich zum Gehalt Leistungen für die Altersvorsorge (arbeitgeberfinanzierte Altersvorsorge), erhält er bei externem Durchführungsweg ab 2018 einen Zuschuss in Höhe von 30 v.H. der Beiträge, soweit diese zwischen 20 und 40 € monatlich liegen= höchstmöglicher Zuschuss 12 € pro Mo­ nat. Der Zuschuss wird nur für Leistungen an Beschäftigte mit einem Monatslohn bis 2.200 € gewährt. Wird ein Teil des Gehalts des Arbeitnehmers z.B. in eine Direktversicherung einbezahlt  (Entgeltumwandlung), muss der Arbeitgeber künftig als pauschalen Ausgleich für die eingesparten Sozialversicherungsbei­ träge 15 v.H. des umgewandelten Beitrags zusätzlich an die Versorgungseinrichtung abführen. Diese Rege­ lung gilt jedoch erst für Zusagen, die ab 2019 erteilt werden. Bei Erteilung der Zusage bis 2018 ist der Aus­ gleichsbetrag  erst ab 2022 zu bezahlen. Wer eine gesetzliche Rente unterhalb der Sozialhilfe bezieht, kann unverändert eine Aufstockung auf Sozialhilfeniveau beantragen. Damit sich eine private oder betriebliche Zusatzvorsorge auch für diesen Per­ sonenkreis lohnt, werden Riester-, Rürup- und Betriebsrenten künftig nicht mehr vollständig auf den Auf­ stockungsbetrag angerechnet, sondern je nach Höhe ganz oder teilweise als zusätzliche Rente ausgezahlt. Die Grundzulage für Riester-Verträge steigt ab dem Beitragsjahr 2018 von derzeit 154 € auf 175 € jährlich auch für Altverträge.

Sonstige Problemlagen für die Zugewinnbilanz


Immobilie
GEMEINSAMER IMMOBILIENKREDIT
im Zugewinn der Ehegatten




II. Ausnahmen vom Totalitätsprinzip


Modifizierter Zugewinnausgleich oder Ausschluss?

Vereinbarungen zur Abweichung vom Totalitätsprinzip

Unternehmen
UNTERNEHMEN & EHEVERTRAG
Das Unternehmen im Familienrecht

Das System des  -> Zugewinnausgleich erfasst jeden Vermögensgegenstand  der Ehegatten (-> Totalitätsprinzip). Vom Totalitätsprinzip können die Eheleute per -> Ehevertrag abweichen und einzelne Vermögensgegenstände ausklammern oder den Zugewinnausgleich -> vollständig ausschließen. Vorallem bei -> Unternehmerehen wird empfohlen, zumindest das -> Unternehmen  aus dem Ausgleichssystem auszuklammern.  Dies ist nicht nur im Rahmen einer -> Scheidungsfolgenvereinbarung, sondern mit jeder Art einer ehevertraglichen Regelung zu jedem Zeitpunkt möglich. In solchen Fällen spricht man von einer modifizierten Zugewinngemeinschaft. Vor allem Unternehmerehen ist eine solche Regelung im Hinblick auf das vorhandene Unternehmen zu empfehlen (vgl. -> Unternehmen im Familienrecht). Oft wird -> Gütertrennung gewählt, also jeder mögliche Zugewinnausgleich ausgeschlossen. Ob hier die modifizierte Zugewinngemeinschaft die bessere Alternative sein kann, erfahren Sie -> HIER....

Loewe
BGH, Urteil vom 26.03.1997 - XII ZR 250/95
Zur Zulässigkeit der modifizierten Zugewinngemeinschaft
Vereinbarung
FORMZWANG
bei Vereinbarung zur Zugewinnausgleichsforderung

Wer Verträge zum -> Güterrecht oder zur Modifizierung des Zugeinnausgleichs abschließen möchte, hat dazu die gesetzlich vorgegebenen Formvorschriften zu beachten. Andernfalls ist die Vereinbarung wegen Formmangels nichtig (§ 125 BGB). Wann für Vereinbarungen ein Notar benötigt wird oder eine schriftliche Vereinbarung zwischen den Ehegatten genügen kann, erfahren Sie -> HIER ...


III. Links & Literatur


Links


Literatur


  • Michael Giers, Die Auskunft zum Zugewinnausgleich, in: NZFam 2015, 843
  • Dieter Büte, Die Last mit der latenten Steuerlast, in FK 2012, 139
  • Kogel, Nießbrauch, Altenteil, Leibrente im Zugewinn, in FamRZ 2006, 451ff

In eigener Sache ...


  • Die latente Steuerbelastung bei Immobilienvermögen nach § 23 EStG, unser Az.: 101/16 (D3/516-17)
  • Vereinbarung einer modifizierten Zugewinngemeinschaft, unser Az.: 45/15; 158/13
  • Gesamtschuldnerausgleich im Zugewinn, unser Az.: 206/15 (D3/23-16)
  • Zur Lebensversicherung mit Kapitalwahlrecht, unser Az.: 47/15 (D3/202-15)
  • Zur Lebensversicherung mit Kapitalwahlrecht, unser Az.: 57/16 (D3/368-16)
  • Vertragliche Genussrechte in der Vermögensbilanz, unser Az.: 17/16 (D3/643-16)
  • Private Lebensversicherung im Zugewinn oder beim Versorgungsausgleich?, unser Az.: 75/16 (D3/675-16)
  • Die Leibrentenverpflichtung des Ehegatten im Zugewinn, unser Az.: 72/16 (D3/34-17)
  • Die Strategie beim Streit um die Immobilie im Zugewinn, unser Az.: 11/17 (D3/100-17)
  • AG Aichach - 1 F 418/16, Auskunft zum Wert der Immobilie, unser Az.: 17/16 (D3/131-17)


IV. Unser Angebot


Familienrecht-Ratgeber.com

Unser Angebot


im Überblick finden Sie -> HIER ...

Schroeck

♦ Kontakt zur Fachanwaltskanzlei


Rufen Sie an (Tel.: 089/2155-4181-0) oder schreiben uns eine E-Mail (-> info@familienrecht-ratgeber.com). Mehr Infos zur -> persönlichen Kontaktaufnahme finden Sie -> HIER ....

Copyright © familienrecht-ratgeber.com, Dr. jur. Jörg Schröck - Alle Rechte vorbehalten.