Patchwork-gross


Einkommen ermitteln

bei Patchwork



Patchwork
Unterhalt bei wechselnden Familienverhältnissen


» Einkommensermittlung bei Patchwork

Geschiedene werden oft zu „Wiederholungstätern“. Ca. 61 % der geschiedenen Frauen und 55 % der geschiedenen Männer heiraten wieder. Stiefkinder und gemeinsame Kinder bilden dann die sog. Patchwork-Familie. Unterhaltsschuldner oder Unterhaltsberechtigter in Patchwork-Situationen mit Unterhaltsbeziehungen zu ehemaligen Familienmitgliedern  haben mehr Möglichkeiten zur > Einkommensoptimierung oder zum bewussten Einkommensverzicht als ein Single. Unterhaltsansprüche gegen den neuen Partner machen das möglich. Einkommensermittlung in Patchwork-Situationen geht als stets der Frage nach, ob Ansprüche gegen den neuen Lebenspartner für die Unterhalts- und Einkommensermittlung im Verhältnis zu den Ex-Familienmitgliedern eine Rolle spielen.
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» Fiktives Einkommen bei Patchwork

Grundsätzlich kann den, dem Kind aus erster Beziehung unterhaltspflichtige, Elternteil eine > gesteigerte Erwerbsobliegenheit treffen. Bleibt der barunterhaltspflichtige Elternteil wegen vereinbarter Rollenverteilung mit dem neuen Partner und wegen Kinderbetreuung eines Kindes aus der Zweit-Ehe zuhause, kann das zur Zurechnung > fiktiver Einkünfte führen.
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Einkommen
vom neuen Ehemann / Lebenspartner?


Barunterhalt vom Lebenspartner

Anrechnungsfähiges Einkommen


Situation: Die Kinder aus erster Ehe leben beim Ex. Die Mutter (ohne eigenes Einkommen) lebt mit neuem Lebenspartner in dessen Haushalt und betreut ein neugeborenes Kind aus aktueller Beziehung. Der neue Lebenspartner erzielt ein Einkommen von 5.000 €. Ist die Mutter > gegenüber ihren Kindern aus erste Ehe unterhaltspflichtig?

Das Einkommen des Lebenspartners ist nicht unterhaltsrelevantes Einkommen der Unterhaltsschuldnerin gegenüber ihren Kindern. Es wird aber als Einkommen des Unterhaltspflichtigen in der Höhe zugerechnet, soweit sich daraus ein Barunterhaltsanspruch für den Unterhaltspflichtigen ergibt. Die Mutter hat einen > Kinderbetreuungsanspruch gegen ihren neuen Lebenspartner.


Taschengeldanspruch
gegen neuen Ehegatten


Familienunterhalt (§§ 1360, 1360a BGB)
ist kein Barunterhaltsanspruch


Hat der Unterhaltspflichtige kein eigenes Einkommen, ist aber (wieder) verheiratet und lebt vom Einkommen seines (neuen) Ehegatten, so kommt ein Anspruch des Unterhaltspflichtigen auf > Familienunterhalt nach den §§ 1360, 1360a BGB gegen seinen neuen Ehepartner in Betracht. Die Verpflichtung, zum Familienunterhalt beizutragen, trifft nach § 1360 BGB beide Ehegatten entsprechend ihrem Einkommen und Vermögen, soweit nicht einer der Partner die Haushaltsführung übernommen hat und deshalb kein weiterer Beitrag zum Familienunterhalt von ihm erwartet werden kann. Der Familienunterhalt umfasst nach § 1360a BGB die Kosten, die nach den Verhältnissen der Eheleute erforderlich sind, um den Haushalt zu führen und die persönlichen Bedürfnisse der Ehegatten und den Lebensbedarf der gemeinsamen unterhaltsberechtigten Kinder zu befriedigen. Der aus dieser Verpflichtung herrührende wechselseitige Anspruch der Ehegatten ist nicht auf entsprechende gegenseitige Barleistungen gerichtet, sondern darauf, die notwendigen Aufwendungen zu tragen. Familienunterhalt ist grundsätzlich nicht auf Gewährung einer Geldrente gerichtet ist (st. Rspr., vgl. etwa BGH, Urteil vom 19. Februar 2003 - XII ZR 67/00).

Taschengeld
ist Bar-Anteil des Familienunterhalts


Nur in Höhe des sog. Taschengeldanspruchs besteht ein Teil des angemessenen Familienunterhaltsanspruchs in Form einer Barleistung und kann als fiktives Einkommen in Betracht gezogen werden.

Rechtsprechung

BGH, Urteil vom 12. Dezember 2012 - XII ZR 43/11
Taschengeldanspruch gegen den neuen Ehegatten als (mögliches - fiktives) Einkommen


(Zitat, Rn 26) "Zu dem angemessenen > Familienunterhalt gehören unter anderem Kosten für Wohnung, Nahrung, Kleidung, medizinische Versorgung, kulturelle Bedürfnisse, Kranken- und Altersvorsorge, Urlaub usw., die in der Regel in Form des Naturalunterhalts gewährt werden. Außerdem hat jeder der Ehegatten Anspruch auf einen angemessenen Teil des Gesamteinkommens als Taschengeld, das heißt auf einen Geldbetrag, der ihm die Befriedigung seiner persönlichen Bedürfnisse nach eigenem Gutdünken und freier Wahl unabhängig von einer Mitsprache des anderen Ehegatten ermöglichen soll (Senatsurteil vom 15. Oktober 2003 - XII ZR 122/00). Als Bestandteil des Familienunterhalts richtet sich der Taschengeldanspruch - ebenso wie ersterer hinsichtlich seiner Höhe nach den im Einzelfall bestehenden Einkommens- und Vermögensverhältnissen, dem Lebensstil und der Zukunftsplanung der Parteien. In der Rechtsprechung wird üblicherweise eine Quote von 5 bis 7 % des zur Verfügung stehenden Nettoeinkommens angenommen."

Anmerkung: Der Taschengeldanspruch ist kein zusätzlicher Anspruch zum Familienunterhalt, sondern der Barleistungsanteil, der aus dem im Wege der Halbteilung ermittelten Familienunterhaltsanspruch an den Ehegatten mit dem geringeren Einkommen zu bezahlen ist. Bei der Ermittlung von Ansprüchen auf Verwandtenunterhalt werden die Anteile der Ehegatten am Familienunterhalt (inklusive Taschengeldanspruch) monetarisiert, und zwar im Wege der Halbteilung ohne Abzug eines Erwerbstätigen-Bonus. Weil der Taschengeldanspruch auf Geldzahlung gerichtet ist, wird er als möglicher Bestandteil des Einkommens des Taschengeldberechtigten qualifiziert. Der BGH geht in dieser Entscheidung ausführlich darauf ein, dass beim Familienunterhalt nach den §§ 1360, 1360 a BGB das für den Taschengeldanspruch relevante Nettoeinkommen nicht identisch ist mit dem unterhaltsrelevanten Einkommen, wie es sonst zur Bestimmung anderer Unterhaltsansprüche ermittelt wird (BGH dazu ausführllich ab Rn 32ff). Insgesamt erhält der Familienunterhalt Bedeutung bei der Frage der Leistungsfähigkeit des Unterhaltsberechtigten, der wiederum anderen gegenüber seinerseits unterhaltspflichtig ist.

Auskunftsanspruch
zur Ermittlung des Taschengeldanspruchs


Rechtsprechung

BGH, Urteil v. 29.10.2003 - XII ZR 115/01 und
BGH, Urteil v. 2.6.2010 - XII ZR 124/08, Rn 25
Zur Auskunft über das Einkommen des neuen Ehegatten


Im Kern dieser Entscheidung geht es um die Frage, welche > Auskunftsansprüche bestehen, um an Informationen zum Einkommen des (neuen) Ehegatten zu kommen (= Bemessungsgrundlage für die Höhe des Taschengeldanspruchs).

Entgelt für Haushaltsführung
im Haushalt des neuen Lebenspartners


  • In der Praxis begegnet man immer wieder dem Einwand, der Unterhaltspflichtige sei nicht > leistungsfähig, weil er kein eigenes Einkommen habe, sondern dem > neuen Lebenspartner den Haushalt führt und im Übrigen vom Einkommen des (neuen) Lebenspartners lebe. Hier darf nicht vergessen werden, dass die kostenlose Haushaltsführung für den Dritten zur Zurechnung fiktiver Einkünfte führen kann (Argument: genauso gut könnte für die Hauswirtschaftstätigkeit vom Dritten Geld verlangt werden oder er könnte stattdessen arbeiten gehen). Die > SüdL Ziff.6 bestimmen dazu, dass der Wert der Haushaltsführung je nach Einzelfall mit einem monatlichen Betrag zwischen 200,- € bis 550,- € zu berücksichtigen ist. Das daraus resultierende fiktive Einkommen erhöht beim Unterhaltsschuldner die > Leistungsfähigkeit, beim Unterhaltsberechtigen mindert sich entsprechend (zumindest) dessen > Bedürftigkeit.
  • In der Praxis wird dies meist im Rahmen des > Trennungsunterhalts relevant, wenn nach der Trennung ein Ehegatte in den Haushalt eines neuen Lebenspartners wechselt. Der Ehegattenunterhalt ist nach § 1579 Nr.2 BGB erst ab dem Zeitpunkt ausgeschlossen, wenn sich die > neue Lebenspartnerschaft verfestigt hat. Allein die Haushaltsführung für den neuen Partner lässt (nach den Kriterien der > Rechtsprechung) eine solche Annahme noch nicht zu. Sie ist nur ein > Teilkriterium in der Gesamtabwägung.

Kinderbetreuungsunterhalt (§ 1615l BGB)
vom neuen Lebenspartner
Barunterhaltsanspruch oder Taschengeld?


§ > 1615l Abs.3 BGB verweist für den > Kinderbetreuungsanspruch bei nichtehelicher Lebensgemeinschaft auf die Vorschriften zum Verwandtenunterhalt. Nach § > 1612 Abs.1 S.1 BGB ist der Unterhalts grundsätzlich ein Barunterhalt. Nur im Fall finanzieller Notlagen kann gem. § > 1612 Abs.1. S.2 BGB der Unterhaltspflichtige verlangen, den Unterhalt als Naturalunterhalt zu leisten (Brudermüller, in: Palandt, BGB77. Aufl., § 1612, Rn 5). Ein Verweis auf Vorschriften zum Familienunterhalt für zusammenlebende Partner einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft ist im Gesetz nicht vorgesehen. Das LG Tübingen, Beschluss vom 05.09.200 - 5 T 143/00, hat bei bestehender nichtehelicher Lebenspartnerschaft lediglich einen Barunterhalt in Höhe eines Taschengeldes erkannt. Diese Ansicht wird jedoch überwiegend abgelehnt (vgl. Wendl/Dose, Zusammenleben der nichtehelichen Partner, in:  Unterhaltsrecht, 10. Aufl. 2019, § 7 Rn 108 mwN).


Erwerbsobliegenheiten
bei Patchwork

Diesmal bleib ich zuhause
Rollenverteilung in der Zweit-Ehe


Rechtsprechung

BGH, Beschluss vom 11.02.2015 - XII ZB 181/14
Erwerbsobliegenheiten bei Kinderbetreuung & Patchwork


Anmerkung: So manche/r in erster Ehe geschiedene/r oder Ehefrau/Ehemann, mag den Unterhaltsverpflichtungen aus dieser ehemaligen Beziehung müde geworden sein. Sie/Er geht eine neu feste Partnerschaft oder Ehe ein. Der neue Partner verdient gut. Aus dieser neuen Verbindung kommen wieder Kinder auf die Welt. Weil ja der neue Partner ausreichendes Einkommen für die ganze Familie erwirtschaftet entscheidet man sich, zuhause zu bleiben, nun die gemeinsamen Kinder zu betreuen und den gemeinsamen Haushalt zu führen. Reales Einkommen wird nicht erzielt. Wer meint sich damit von den Unterhaltspflichten aus der ersten Beziehung entledigen zu können, der wird eines besseren belehrt: Unterhaltsrechtlich kann der Vorwurf des Verstoßes gegen > Erwerbsobliegenheiten drohen. Das führt womöglich zur Zurechnung fiktiven Einkommens und letztendlich zur Unterhaltspflicht gegenüber dem Kind aus der ersten Beziehung. Spätestens dann, wenn ein Brief vom Jugendamt ins Haus flattert und darin mit Klage gedroht wird, wenn nicht unverzüglich der Mindestunterhalt für die Kinder aus der ersten Beziehung bezahlt werde, wird die Lage ernst. Allein der Hinweis, man verdiene doch kein Geld, wird das Jugendamt nicht davon abhalten, gegen Sie (erfolgreich?) vor Gericht zu ziehen.

Wie ist die Rechtslage?

Inwiefern eingewendet werden kann, dass der neue Partner nicht möchte, dass man arbeiten geht, sondern sich um Kind und Haushalt kümmert, betrifft die kritische Frage, ob eine vereinbarte Rollenverteilung in der Zweit-Ehe überhaupt zu berücksichtigen ist. Minderjährige Kinder aus erster Ehe und minderjährige Kinder aus zweiter Ehe befinden sich nach § > 1609 Ziff. 1 BGB als Unterhaltsberechtigte auf gleicher Rangstufe. Hier ist eine Interessenabwägung zwischen Existenzsicherung des Kindes aus erster Beziehung und dem Interesse an freie Gestaltung der Zweit-Ehe mit Kinderbetreuung durchzuführen. Der Beschluss des BGH vom 11.02.2015 beschäftigt sich ausführlich mit dieser Problematik und erklärt, wann > Erwerbsobliegenheiten trotz Kinderbetreuung geben kann: Eltern haben alles zumutbare zu unternehmen, damit sie ihren unterhaltsrechtlichen Verpflichtungen gegenüber allen ihren Kindern nachkommen. Welche unterhaltsrechtlichen Pflichten treffen einen Elternteil, der gegenüber einem Kind aus ehemaliger Beziehung > barunterhaltspflichtig ist und ein Kind aus neuer Beziehung > Naturalunterhalt leistet, weil das Kind persönlich betreut wird. Die Rechtsprechung zur erwerbslosen Haushaltstätigkeit und Kinderbetreuung in der zweiten Beziehung wird > „Hausmann-Rechtsprechung“ genannt, weil sie ihren Ausgangspunkt an Fällen nahm, die Männer betrifft, die nach erster gescheiteter Ehe in der zweiten Ehe ihre Rolle als „Verdiener der Familie“ gewechselt haben und in der zweiten Ehe nun die Rolle des „Hausmanns“ übernommen haben. Nach der Hausmann-Rechtsprechung des BGH sind bei einem solchen Rollenwechsel fiktive Einkünfte dem Hausmann/Hausfrau zuzurechnen und zwar nach folgenden Prinzipien:

Rechtsmissbräuchlicher
Rollentausch?


Stellt sich der Rollentausch in der Zweit-Ehe als rechtsmissbräuchlich dar wird dem gegenüber den Kindern aus erster Ehe Unterhaltspflichtigen als fiktives Einkommen hinzugerechnet was bei einer > fiktiv unterstellen Vollzeittätigkeit erzielt werden könnte.

BGH, Urteil v. 13.03.1996 - XII ZR 2/95
Rollentausch & wirtschaftliche Hypothek aus der ersten Beziehung


(Zitat) "(Es) stehen auch die Unterhaltsansprüche des erstehel. Kindes unter dem Schutz des Art. 6 GG. Das BVerfG hat in diesem Zusammenhang zutreffend ausgeführt, verfassungsrechtlich könne die Entlassung des geschiedenen, zur Leistung von Kindesunterhalt grundsätzlich verpflichteten Elternteils aus dem Pflichtenverhältnis, das durch die Gründung der ersten Familie entstanden sei, nicht mit der Ehegestaltungsfreiheit der Partner einer neuen Ehe gerechtfertigt werden. Der Ehegatte, mit dem der Unterhaltspflichtige eine neue Ehe eingegangen sei, wisse von der ,,wirtschaftlichen Hypothek'', mit der seine Verbindung infolge der Unterhaltspflichten seines Ehegatten gegenüber der ersten Familie belastet sei. Dieser Belastung sei Rechnung zu tragen, wenn es um die Frage gehe, ob der Unterhaltspflichtige seine Erwerbstätigkeit aufgeben könne, um sich ausschließlich seiner neuen Familie widmen zu können. Auch garantiere das Elternrecht nach Art. 6 II S. 1 GG keinen Anspruch eines Elternteils, die Versorgung eines Kleinkindes ohne Rücksicht auf die Belange seiner anderen Kinder zu gestalten (BVerfGE 68, a.a.O. = FamRZ 1985, a.a.O., S. 145). Das gilt vor allem dort, wo das erstehel. Kind durch die Scheidung der Eltern ohnehin den Verlust eines Elternteils hinnehmen muss und in besonderem Maße auf die persönliche Betreuung des verbliebenen Elternteils angewiesen ist. Dessen im Kindesinteresse wurzelnder Unterhaltsanspruch aus § 1570 BGB hat daher besonderes Gewicht (vgl. Senatsurteil v. 10. 12. 1986, a.a.O., S. 254). Eine Rechtsauffassung, die es dem Kl. nur aufgrund eines individuellen Interesses erlauben würde, seine Fürsorge allein seinem Kind aus zweiter Ehe angedeihen zu lassen und gleichzeitig seinem erstehel. Kind die Mutter als Betreuungsperson weitgehend dadurch zu entziehen, dass diese für ihren Lebensunterhalt selbst aufkommen muss, trüge seiner für beide Kinder in gleicher Weise bestehenden Elternverantwortung nicht Rechnung und stände im Widerspruch zu Art. 6 GG. (…) Der Kl. muss sich nach allem > fiktiv so behandeln lassen, als hätte er wie bisher ein > volles Erwerbseinkommen."

Akzeptabler
Rollentausch?


BGH, Senatsurteil vom 5. Oktober 2006 - XII ZR 197/02
Der akzeptable Rollentausch in der Zweit-Ehe


Leitsatz: "Ein seinen Kindern aus erster Ehe barunterhaltspflichtiger Elternteil darf aus unterhaltsrechtlicher Sicht in einer neuen Ehe nur dann die Haushaltsführung und Kindesbetreuung übernehmen, wenn wirtschaftliche Gesichtspunkte oder sonstige Gründe von gleichem Gewicht, die einen erkennbaren Vorteil für die neue Familie mit sich bringen, im Einzelfall den Rollentausch rechtfertigen (im Anschluss an das Senatsurteil vom 13. März 1996 - XII ZR 2/95 - FamRZ 1996, 796)."

Rechtsprechung

BGH, Urteil vom 25. April 2007 - XII ZR 189/04
Gestaltungsfreiheiten und Rollenverteilungen mit gemeinsamen Kindern aus der Zweit- Ehe.


(Zitat) „Gemäß § 1360 BGB sind beide Ehegatten verpflichtet, die Familie durch ihre Arbeit und mit ihrem Vermögen angemessen zu unterhalten. Dabei steht es den Ehegatten frei, ihre Ehe so zu führen, dass ein Partner allein einer Berufstätigkeit nachgeht und der andere sich der Familienarbeit widmet, ebenso wie sie sich dafür entscheiden können, beide einen Beruf ganz oder teilweise auszuüben und sich die Hausarbeit und Kinderbetreuung zu teilen oder diese durch Dritte ausführen zu lassen (Senatsurteil vom 15. Oktober 2003 - XII ZR 122/00 - FamRZ 2004, 366, 368). Da die Ehegatten ihre persönliche und wirtschaftliche Lebensführung frei bestimmen können (vgl. BVerfG FamRZ 2002, 527, 528), steht es ihnen grundsätzlich auch frei, Vereinbarungen über die innerfamiliäre Arbeitsteilung zu treffen, die die Kinderbetreuung und Haushaltsführung durch einen Ehegatten auch dann vorsehen, wenn es sich nicht um gemeinsame Kinder handelt (zum Schutz auch der aus Ehegatten und Stiefkindern bestehenden Familie durch Art. 6 Abs. 1 GG vgl. BVerfGE 18, 97, 105 f.). Die Mitwirkung an einer solchen Gestaltung ist einem Ehegatten im Verhältnis zu seinen unterhaltsberechtigten minderjährigen Kindern aus einer früheren Ehe nach Treu und Glauben nur dann verwehrt, wenn sie rechtsmissbräuchlich erscheint. Das ist indessen so lange zu verneinen, wie es den berechtigten Interessen innerhalb der neuen Familie entspricht, dass ein Ehegatte zugunsten der Haushaltsführung und Kinderbetreuung auf eine Erwerbstätigkeit verzichtet. (…) Denn insoweit gelten für die Gestaltungsfreiheit der Ehegatten untereinander andere Beurteilungsmaßstäbe als etwa im Rahmen eines Unterhaltsanspruchs nach § 1570 BGB"

Anmerkung: Der BGH hat mit > Urteil vom 5. Oktober 2006 - XII ZR 197/02 an der sog. Hausmannrechtsprechung festgehalten und diese in einem entscheidenden Aspekt weiter entwickelt: Übernimmt der seinen Kindern aus erster Ehe barunterhaltspflichtige Elternteil in seiner neuen Ehe die Kindererziehung, so ist der damit verbundene Rollenwechsel unterhaltsrechtlich zu akzeptieren, wenn wirtschaftliche Gesichtspunkte oder sonstige Gründe von gleichem Gewicht einen erkennbaren Vorteil für die neue Familie mit sich bringen. Gibt es also berechtigte Interessen innerhalb der neuen Familie, die dafür sprechen, dass ein Ehegatte zugunsten der Haushaltsführung und Kinderbetreuung auf eine Erwerbstätigkeit verzichtet, kann nicht – wie nach traditioneller Hausmann-Rechtsprechung - eine fiktives Einkommen in Höhe eines Einkommens aus Vollzeittätigkeit unterstellt werden.

Teilerwerbspflicht
bei gesteigerter Erwerbsobliegenheit
trotz akzeptabler Haushaltsführung in Zweit-Ehe


Auch wenn ein akzeptabler Rollentausch und Rollenverteilung in der Zweit-Ehe stattfindet, bleibt die Anrechnung fiktiver Einkünfte nicht aus. In welchem Umfang eine Erwerbstätigkeit neben der Kindererziehung in der zweiten Ehe möglich ist, muss unter Abwägung aller Umstände im Einzelfall geklärt werden. Wie weit geht eine in der Zweit-Ehe frei vereinbarte Rollenverteilung mit Kindern einer > gesteigerten Erwerbsobliegenheit gegenüber den Kindern aus erster Ehe vor. Wie ist dieses Spannungsverhältnis dieser Patchwork-Situation angemessen zu lösen?Auch wenn ein akzeptabler Rollentausch und Rollenverteilung in der Zweit-Ehe stattfindet, bleibt die Anrechnung fiktiver Einkünfte nicht aus: Laut BGH (Urteil vom 5. Oktober 2006 - XII ZR 197/02 mutet dem einem minderjährigen Kind Unterhaltspflichtigen das Gesetz (§ 1603 Abs.2 BGB: > gesteigerte Erwerbsobliegenheit) besondere Anstrengungen zu. Nach der weiterentwickelten Hausmann-Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs ist der Unterhaltspflichtige deswegen verpflichtet, neben der Beaufsichtigung und Erziehung seiner Kinder aus zweiter Ehe im Interesse unterhaltsbedürftiger Kinder aus erster Ehe oder Beziehung eine Teilzeiterwerbstätigkeit auszuüben. Sein zweiter Ehegatte hat ihn in zumutbaren Umfang von den Erziehungsaufgaben freizustellen, weil auch der zweite Ehegatte (beim Eingehen der Zweit-Ehe) von den gleichrangigen Unterhaltsansprüchen der Kinder aus erster Ehe Kenntnis hat (wirtschaftliche Hypothek aus erster Beziehung).

Rechtsprechung

BGH, Urteil vom 5.10.2006 - XII ZR 197/02
Erwerbsoblliegenheit bei Patchwork und gesteigerter Leistungsfähigkeit


(Zitat) Nach ständiger Rechtsprechung des Senats (vgl. dazu auch BVerfG FamRZ 1985, 143, 145 f.) trifft einen wiederverheirateten barunterhaltspflichtigen Ehegatten ungeachtet seiner Pflichten aus der neuen Ehe selbst dann, wenn die Rollenwahl in dieser Ehe nicht zu beanstanden ist, eine Obliegenheit, erforderlichenfalls durch Aufnahme eines Nebenerwerbs zum Unterhalt von minderjährigen, unverheirateten Kindern aus der früheren Ehe beizutragen. Wegen des Gleichrangs aller Unterhaltsansprüche minderjähriger Kinder (§ 1609 Abs. 1 BGB) darf die mit der Rollenwahl verbundene Verminderung der Leistungsfähigkeit des geschiedenen Ehegatten nicht in unzumutbarer Weise zu Lasten der Kinder aus erster Ehe gehen. Unterhaltsrechtlich entlastet die häusliche Tätigkeit einen unterhaltspflichtigen Ehegatten nämlich nur gegenüber den Mitgliedern seiner neuen Familie, denen die Fürsorge - im Gegensatz zu den nicht im neuen Familienverbund lebenden minderjährigen Kindern aus erster Ehe - allein zugute kommt. Deswegen und wegen der gesteigerten Unterhaltspflicht gegenüber seinen minderjährigen Kindern (§ 1603 Abs. 2 Satz 1 BGB) hat der Unterhaltspflichtige seine Leistungsfähigkeit über die Hausmannrolle in zweiter Ehe hinaus in vollem Umfang auszuschöpfen und im Rahmen der individuellen Möglichkeiten eine Nebentätigkeit aufzunehmen. 18 Der neue Ehegatte hat die Erfüllung dieser Obliegenheit nach dem Rechtsgedanken des § 1356 Abs. 2 BGB zu ermöglichen, zumal bei der Aufgabenverteilung in der neuen Ehe die beiderseits bekannte Unterhaltslast gegenüber Kindern aus früheren Ehen berücksichtigt werden muss (Senatsurteil vom 18. Oktober 2000 - XII ZR 191/98 - FamRZ 2001, 1065, 1066). Diese Verpflichtung ergibt sich schon aus § 1356 Abs. 2 Satz 2 BGB. Denn der neue Ehegatte müsste es auch im Falle der Vollerwerbstätigkeit des unterhaltspflichtigen Ehegatten hinnehmen, dass die Einnahmen daraus nicht ganz zur Bestreitung des Familienunterhalts zur Verfügung stünden, sondern zum Teil zum Unterhalt der gleichrangigen Kinder aus der früheren Ehe verwendet werden müssten (Senatsurteil vom 31. März 1982 - IVb ZR 667/80 - FamRZ 1982, 590, 592). 

Hinweis: Siehe dazu auch die Entscheidungen

  • OLG Schleswig, Beschluss vom 12.012015 – 10 UF 171/14
  • OLG München, Beschluss vom 29.11.2004 – 16 UF 1348/04

Achtung: die gesteigerte Erwerbsobliegenheit besteht nach § 1603 Abs.2 S.3 BGB nicht, wenn ein anderer > barunterhaltspflichtiger Verwandter vorhanden ist. Das kann u.U. auch der kinderbetreunde Elternteil sein: > Mehr

Keine Teilerwerbspflicht
während des Elterngeldbezugs


Dem gegenüber hat der BGH entscheiden, dass der Unterhaltspflichtige während des Bezugs von Erziehungsgeld (heute abgelöst durch das Elterngeld) während der ersten zwei Jahre seit der Geburt des Kindes nicht verpflichtet ist, neben der Betreuung des Kleinkindes aus der neuen Ehe eine Nebenerwerbstätigkeit auszuüben. Mit Beschluss vom 11.02.2015 hat der BGH auch für das Elterngeld entscheiden, dass während des Bezugszeitraums (von maximal zwei Jahren) keine Erwerbsobliegenheit (auch nicht für eine Nebentätigkeit) besteht.

Rechtsprechung

BGH, Beschluss vom 11. Februar 2015 - XII ZB 181/14, Rn 19
Keine Erwerbsobliegenheit während des Bezugzeitraums von Elterngeld


(Zitat) „" Demgegenüber hat der Senat entschieden, dass der Unterhaltspflichtige während des Bezugs von Erziehungsgeld während der ersten zwei Jahre seit der Geburt des Kindes nicht verpflichtet ist, neben der Betreuung des Kleinkindes aus der neuen Ehe eine Nebenerwerbstätigkeit auszuüben (Senatsurteil vom 12. April 2006 XII ZR 31/04 FamRZ 2006, 1010, 1014). Dem stehe schon entgegen, dass minderjährige Kinder bis zum Alter von jedenfalls zwei Jahren regelmäßig ständiger Aufsicht und Betreuung bedürfen, die auch der neue Ehegatte unter Berücksichtigung seiner eigenen Erwerbstätigkeit nicht in dem erforderlichen Umfang sicherstellen kann. Dem Gleichrang der Unterhaltsansprüche aller Kinder aus verschiedenen Beziehungen trage für diesen Zeitraum schon § 9 Satz 2 BErzGG Rechnung. Denn während das Erziehungsgeld grundsätzlich bei der Bemessung von Unterhaltsverpflichtungen unberücksichtigt bleibe, sei es wegen der gesteigerten Unterhaltsverpflichtung gegenüber den minderjährigen Kindern aus erster Ehe als Einkommen zu berücksichtigen. Für die Zeit seines Bezugs ersetze das Erziehungsgeld somit im Interesse der Betreuung des neugeborenen Kindes die sonst gegebenenfalls bestehende Erwerbspflicht des barunterhaltspflichtigen Ehegatten (Senatsurteil vom 12. April 2006 XII ZR 31/04 FamRZ 2006, 1010, 1014). Diese Erwägungen greifen jedenfalls für die ersten beiden Lebensjahre des betreuten Kindes auch für das an die Stelle des Erziehungsgelds getretene Elterngeld (OLG Frankfurt FamRZ 2014, 848; Scholz FamRZ 2007, 7, 9; Wendl/Klinkhammer Das Unterhaltsrecht in der familienrichterlichen Praxis 8. Aufl. § 2 Rn. 281; vgl. Liceni-Kierstein FamRB 2014, 119). Dass der Unterhaltspflichtige die Wahl hat, für den regulären Bezugszeitraum das volle Elterngeld zu beziehen oder von der Option Gebrauch zu machen, das hälftige Elterngeld auf den doppelten Zeitraum zu strecken, stellt demgegenüber keine entscheidende Veränderung zum Erziehungsgeld (vgl. § 4 Abs. 1 BErzGG i.d.F. vom 9. Februar 2004) dar. Nach der für den streitigen Zeitraum anwendbaren Vorschrift des § 6 Satz 2 BEEG in der Fassung vom 5. Dezember 2006 wurden die einer Person zustehenden Monatsbeträge auf Antrag in jeweils zwei halben Monatsbeträgen ausgezahlt, so dass sich der Auszahlungszeitraum verdoppelte. Die zweite Hälfte der jeweiligen Monatsbeträge wurde beginnend mit dem Monat gezahlt, der auf den letzten Monat folgte, für den der berechtigten Person ein Monatsbetrag der ersten Hälfte gezahlt wurde (nunmehr Elterngeld Plus gemäß § 4 Abs. 3 BEEG). Ist der Bezieher des Elterngelds jedenfalls für die ersten zwei Lebensjahre des von ihm betreuten weiteren Kindes nicht zu einer Nebentätigkeit verpflichtet, so kann ihm auch nicht vorgeworfen werden, dass er den Auszahlungszeitraum verdoppelt, auch wenn damit die Halbierung des monatlich gezahlten Betrages einhergeht (OLG Frankfurt FamRZ 2014, 848, 849; a.A. OLG Bamberg FamRZ 2011, 1302).

Anmerkung: Mit Beschluss vom 11.02.2015 hat der BGH auch für das Elterngeld entscheiden, dass während des Bezugszeitraums (von maximal zwei Jahren) keine Erwerbsobliegenheit (auch nicht für eine Nebentätigkeit) besteht.


Links & Literatur


Links



Literatur


  • Fritz Finke, Kindesunterhalt bei wechselnden Familienverhältnissen, in: FF 2018, 90 (Anm.: sehr lesenswert)
  • Christian Seiler, Unterhaltsrechtliche Fragen im Zusammenhang mit Patchworkfamilien, in: FF 2017, 355 ff
  • Jörg Schröck, Kindesunterhalt & Leistungsfähigkeit der Eltern, Kindle-Edition (2015)

In eigener Sache


  • Unterhaltspflicht der Mutter in zweiter Ehe für Kind aus erster Ehe, unser Az.: 71/20 (D3/420-20)
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